Wo siehst du die Wurzel des Krieges in dir selbst?

Kurzinterview mit Claude AnShin Thomas

In der buddhistischen Praxis wird viel Wert auf die Verbundenheit gelegt. Diese Verbundenheit zeigt sich unter anderem darin, dass in mir alle vergangenen Generationen existieren und dass ich alle zukünftigen Generationen bin. Die Wurzeln des Krieges werden durch die Generationen meiner Familie weitergegeben, die vor mir da waren. Die Wurzeln des Krieges werden auch durch das kollektive Bewusstsein weitergegeben. Durch die Institutionen der Gesellschaft und Kultur wie Information, Bildung, Religion, Politik oder Unterhaltung.

Ein Beispiel für die Weitergabe innerhalb der Familie: Mein Vater war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Mein Großvater im Ersten Weltkrieg. Mein Urgroßvater war Soldat im Spanisch-Amerikanischen Krieg. Und ich glaube, dass ich auch Familienmitglieder hatte, die im Bürgerkrieg gekämpft haben. Ich war Soldat in Vietnam.

Siehst du einen Zusammenhang zwischen dieser Art von Gewalt – die so tief in unserer Kultur verwurzelt ist – und der Gewalt, die in Familien und zwischen Menschen stattfindet?
Wir können keine Unterscheidung treffen. Gewalt ist Gewalt. Was sich unterscheidet, ist die Form, in der sie sich ausdrückt.

Es ist schwer zu sagen, was zuerst da ist. Ist es die Gewalt in der Familie oder in der Kultur? Anstatt solche Unterscheidungen zu treffen, neige ich dazu zu sagen, dass Gewalt in uns selbst liegt; sie ist eine Manifestation unseres ererbten Karmas, unseres Leidens.

Ich kann kulturelle Gewalt nicht direkt beenden, ebenso wenig wie ich Gewalt in der Familie direkt stoppen kann. Aber ich kann die Gewalt in mir selbst stoppen, und wenn ich aufhöre, gewalttätig zu sein und gewalttätig zu handeln, können die Menschen um mich herum das sehen. Hier kann ich den größten Einfluss ausüben. Wie ich bin, spricht lauter als das, was ich sage. Auf diese Weise beginne ich, ein Beispiel für Gewaltlosigkeit im kollektiven Bewusstsein zu sein.

Ich kann zu der Natur des Krieges in mir erwachen – den Samen der Gewalt in mir. Und wenn ich sie durch eine nachhaltige, engagierte, disziplinierte Praxis, die in Selbstreflexion verwurzelt ist, betrachte und ihnen mit Bewusstheit begegne, dann können die Wurzeln von Krieg, Gewalt und Leiden transformiert werden.

Aber du selbst hast schon sehr früh in deinem Leben Gewalt erlebt?

Das stimmt. Ich habe Gewalt sogar schon vor meiner Geburt erlebt, aufgrund der Lebensumstände meines Vaters, meiner Mutter und all der kollektiven Erfahrungen vergangener Generationen, die an mich weitergegeben wurden.

Es stimmt, dass die Gewalt, die ich als kleines Kind erlebt habe, schon vor meiner Geburt begann – zum Beispiel rauchte meine Mutter Zigaretten, während ich in ihrem Bauch heranwuchs, und trank Alkohol. Ich war diesen Formen der Gewalt ohne Wahl ausgesetzt. Ein weiteres Beispiel: Ich war das erste Kind in meiner Familie und wäre beinahe an einer Lungenerkrankung – einer Atemwegsinfektion – gestorben. Ich hatte einen Bruder, der 1951 geboren wurde; er lebte einen Monat lang und starb an einer Atemwegsinfektion. Ich habe eine Schwester, die fünf Jahre jünger ist als ich, und als sie noch sehr klein war, wäre auch sie beinahe an einer Atemwegsinfektion gestorben.

Angesichts all der Informationen, die heute über das Rauchen verfügbar sind, kann man das Rauchen von Zigaretten nur als eine Form des Selbstmords auf Raten verstehen. Zigaretten sind eine Ursache für Krebs. Das Rauchen von Zigaretten verhindert außerdem, dass saubere, schöne Luft den Körper vollständig erreicht und mich auf die Weise nährt, wie sie es eigentlich könnte.

Wie du also sehen kannst, begann die Gewalt schon, bevor ich diese Form in der Welt annahm.