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Zaltho Sangha e.V.

Gemeinschaft für Frieden & soziale Aussöhnung

Am Tor zur Hölle

Der Weg eines Soldaten zum Zen-Mönch von Claude AnShin Thomas

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Wie manifestiert sich meine Zen-Buddhistische Praxis im Sterben, im Tod und in der Trennung von meinem Kater Jimmy?

-von Karen GetsuGen Arnold

Meine Katze Jimmy kam als Kätzchen vor 17 Jahren zu mir und meinem damals sehr jungen Sohn Tilman. Jimmy war sehr vertrauensvoll und daher sehr unkompliziert. Er war freundlich zu all den Leuten, die er mit uns traf. Als er älter wurde, wurde er noch liebevoller als sonst: Sobald ich mich auf das Sofa setzte oder am Abend im Bett lag, kuschelte er sich an mich heran. Als er schwächer wurde, schaffte er es nicht, alleine auf das Sofa oder Bett zu springen; also hob ich ihn auf. Er bewegte sich schwer, schlief viel und sah unglücklich aus. Es dauerte einige Zeit, bis ich erkannte, dass er Schmerzen hatte, und ich beschloss, ihm Schmerzmittel zu geben. Später dann hörte er auf, seine Toilette zu benutzen und machte jeden Morgen einen See in meiner Wohnung. Ich war an diesem Punkt ziemlich verzweifelt. Mein buddhistischer Lehrer, Claude AnShin Thomas, und seine Assistentin, Wiebke KenShin Andersen, waren damals in Europa und verbrachten einige Tage in meiner Wohnung in Frankfurt am Main im Zusammenhang mit einer von mir organisierten öffentlichen Veranstaltung. Mein Lehrer, Claude AnShins Eindruck während seines Aufenthalts war, dass es Jimmy doch überwiegend gut geht: Er aß und trank, hatte Ausscheidungen, aber er konnte sein Pipi nicht in seiner Katzentoilette machen. Ich war etwas hilflos, wie ich damit umgehen konnte. Claude AnShin Thomas schlug vor, diese Ecken mit Desinfektionsspray zu reinigen. Diese praktische Lösung war tatsächlich hilfreich. Claude AnShin und Wiebke KenShin verabschiedeten sich von Jimmy, bevor sie Frankfurt verließen, sagten ihm, dass sie ihn wahrscheinlich nicht wiedersehen würden und dankten ihm für die gute Zeit, die sie mit ihm über die Jahre verbracht hatten. Ich weinte, weil ich in meinem Herzen erkannte, dass meine Katze nicht mehr lange leben würde, obwohl mein Verstand das bereits gewusst hatte.

Mit der Zeit fragte ich mich immer wieder, ob es weiterhin okay wäre, Jimmy so weiterleben zu lassen. Ich hatte die Hoffnung, dass er sich selbst zum Sterben zurückziehen würde, um alleine zu sterben - und ich hatte die Idee, dass es irgendwie besser für ihn und seine Seele wäre. Irgendwann an einem heißen Tag fand ich ihn unter einer schattigen Hecke in der letzten Ecke des Gartens. Aha, dachte ich, jetzt ist die Zeit gekommen. Ich holte mein Meditationskissen und meinen Weihrauch und meditierte draußen im Garten. Ich dachte, vielleicht tue ich ihm etwas Gutes. Irgendwann hob er seinen Kopf und sah mich an. Ich musste über mich selbst lachen, dass ich wohl eine ziemlich feste Idee davon hatte, was gerade geschah.

Die Frage nach meiner Verantwortung blieb also bestehen: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Jimmy beim Übergang zu helfen? Jimmys Zustand verschlechterte sich. Meine Nachbarn beschrieben, dass Jimmy, wenn ich weg war, fast ununterbrochen laut weinte. Ich beschrieb die Situation meinem Lehrer. Er antwortete: es schiene, Jimmy würde mir mitteile, dass er keine Lebensqualität mehr habe und dass es Zeit sei zu gehen. Ich weinte, als ich das las, und wusste, dass ich mich endlich verabschieden musste. Und gleichzeitig war ich erleichtert, weil ich wusste, dass es richtig war. Ich war dankbar für die Unterstützung von Claude AnShin bei der Entscheidung,  geholfen hat, Jimmy beim Übergang zu helfen. Ich war dankbar, dass ich ihm ganz und gar vertrauen konnte und der mit Abstand und mit einem guten ethischen Auge den Prozess verfolgte.

Ich bin dankbar für einen wunderbaren Abschied von Jimmy, der mit viel Nähe stattfand, weil mein Kater in meinem Haus sterben durfte. Ich sagte Jimmy genau, was passieren würde: dass er eine Spritze bekommen würde, die letzte, und dass er in meinen Armen einschlafen würde. Er aß an diesem Tag unglaublich viel, und ich gab ihm immer wieder, was er wollte. Und wir waren zusammen im Garten. Dann ging er nach oben in die Wohnung; er wirkte sehr müde. Wir kuschelten uns auf dem Sofa, und dann kam der Tierarzt. Jimmys Tod war sanft und schnell. - Am nächsten Tag begrub ich seinen Körper, eingewickelt in ein Tuch in einem Karton im Garten. Jeden Tag ging ich morgens und abends dorthin und brachte ihm Kerzen und Weihrauch. Ich habe 49 Tage lang täglich für ihn die Zeremonie für die Toten rezitiert. Am 49. Tag verbrachte ich den Tag so, als wäre Jimmy bei mir: Ich legte Futter für ihn hin und sprach mit ihm. Ich weiß nicht, ob das Jimmy half, aber es schien gut für mich zu sein. 

Ich bin dankbar für die Unterstützung durch meinen Lehrer und die Sangha. Ich bin froh, dass ich einen guten Moment für Jimmys Tod gefunden habe. Die Erkenntnis dieses Augenblicks war gewachsen, und die Entscheidung kam nicht aus meinem Kopf, sondern aus einem Ort intuitiven Wissens. Die Situation zu einem guten Ende zu bringen, gibt mir Vertrauen in mich selbst und meine Praxis. Ich selbst hätte viel früher aus meiner Konditionierung heraus gehandelt, nach dem Motto: "Du kannst doch nicht akzeptieren, dass jemand jeden Tag in deine Wohnung pinkelt". Aber ich könnte einen Weg dafür finden. Das war die Praxis: in Situationen eintauchen, offen und ohne Bewertungen und Konzepte.

Obwohl ich Angst hatte, nach Jimmys Tod allein mit mir selbst zu sein, und obwohl ich manchmal die Unvermeidlichkeit des Todes nicht akzeptieren wollte, machte ich weiter mit dem, was das Mitfühlendste in dem Moment zu tun war. Das trug mich weiter, ohne an einer Idee festzuhalten, die Situation für Jimmy in Ordnung bringen zu können, denn angesichts von Alter, Demenz und Tod gab es kein zurück und kein in-Ordnung-bringen. So machte ich mich am Ende mit Aspekten von mir vertraut, die ich vorher nicht gekannt hatte. 

Irgendwann werde ich es sein, die Jimmy sein wird, weniger und weniger fähig für mich zu sorgen und abhängig von der Unterstützung anderer. Obwohl ich nicht weiß, wann das sein wird, bin ich zuversichtlich, dass ich es durch die Praxis schaffen werde, damit zurecht zu kommen.

5 jimmy getsugen