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Zaltho Sangha e.V.

Gemeinschaft für Frieden & soziale Aussöhnung

Am Tor zur Hölle

Der Weg eines Soldaten zum Zen-Mönch von Claude AnShin Thomas

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"Wenn eine Begegnung alles ändert"

Die Bielefelderin Sonja MyoZen Sterner hat unverhofft einen geistigen Lehrer getroffen, dem sie mit Hingabe und Vertrauen, aber nicht blind, folgt. Jetzt ist sie wegen seiner jahrelangen Anleitung Zen-buddhistische Nonne geworden – was sie eigentlich nie wollte.  

von Elli Bummel

Einen vollkommen vertrauensvollen geistigen Lehrer zu finden ist so mysteriös wie das Phänomen, „sich untersterblich zu verlieben“, sagt Sonja MyoZen Sterner. Ihr ist es passiert. Die 50-jährige Bielefelderin hat deswegen ihr ganzes Leben – auch ihr Äußeres - verändert. Sie ist buddhistische Nonne geworden, in der Tradition des so genannten Zen; Ihr Kopf ist kahlgeschoren; sie tragt ungewöhnliche Kleidung: einen „Rakusu“, eine Art Lätzchen, selbst genäht. Das sind die äußerlichen Zeichen. Innerlich ist noch viel mehr in Bewegung geraten.

Nonne zu sein bedeutet, sich ganz und gar auf den spirituellen Weg auszurichten. Im Buddhismus ist es das Erkennen, dass alles Erlebte, ob Gefühle, Gedanken, der eigene Körper oder die durch die Sinne wahrgenommene Außenwelt nichts anderes sind als Projektionen des Geistes. Sie sind wie ein Traum. Doch wir halten ihn aus Gewohnheit für real. Weil das so ist, entsteht der Eindruck von einem Ich, getrennt vom Ihr, also der Dualismus, der alles Leiden erzeugt: Gier, Abneigung, Eifersucht, Stolz, Zorn, Unwissenheit. Buddhisten wissen das, wollen es aber auch zur Erfahrung machen, um sich von den störenden Gefühlen zu befreien. Ihr Mittel ist Meditation. 

Sonja MyoZen Sterner – der Namenszusatz MyoZen weist sie als jetzt Ordinierte aus – wusste früh in ihrem Leben, dass sie Erkenntnis will. Zumindest ungefähr. „Im Grundschulalter habe ich ein Referat über die Weltreligionen gehalten, dabei hat mich der Buddhismus am meisten fasziniert“, erinnert sie sich. Mit 15 Jahren traf sie echte Buddhisten, Japaner, mit 17 schloss sie sich der Gruppe an. Doch bald klappte alles wieder zusammen. „Auf einer Reise nach Indien und Nepal geriet ich in die Wirren des Bürgerkriegs damals“, sagt sie. Das Erlebte hat sie so sehr desillusioniert, dass sie ausstieg und vier Jahre ohne Besitz in Südeuropa von Hof zu Hof zog. Der Buddhismus war zu dieser Zeit stillgelegt, ganz weg war er jedoch nie. Sie traf auf ihren Reisen bald eine buddhistische Lehrerin der tibetischen Tradition, begann wieder zu meditieren, kehrte nach Deutschland zurück. 

Wieder in Bielefeld angekommen passierte es. „Eines Abends gab es einen Vortrag von einem Claude AnShin Thomas“, erzählt sie. Das ist ein ehemaliger amerikanischer Front–Soldat, der als junger Mann im Vietnamkrieg eingesetzt wurde, später Buddhist wurde und seitdem sein Leben vor allem der Gewaltlosigkeit und dem (inneren) Frieden der Menschen widmet. „Ich wollte eigentlich nicht hin, weil ich keinen Lehrer suchte, schon gar nicht einen männlichen, und auch keinen Zen-buddhistischen.“ Doch weil sie neugierig war, ging sie doch hin. Und da sagte der Vortragende Sätze, die Sonja Sterners Herz trafen. „Meine tibetisch-buddhistische Lehrerin hatte mir vorher gesagt, ich werde wissen, wer mein geistiger Lehrer ist, wenn er drei Fragen beantwortet, die ich gar nicht gestellt habe.“ Genau das passierte. Ihre konzepthaften Hindernisse lösten sich auf. Sie war ihrem geistigen Lehrer begegnet, ob sie wollte oder nicht. So wurde aus ihr Sonja MyoZen Sterner. 

Das Mysterium geistiger Lehrer, auch Lama oder Guru genannt, ist einerseits leicht zu erklären und andererseits schwer anzunehmen. Es liegt jenseits des Verstands. Menschen lernen von Menschen am besten, von Vorbildern, die das Ziel schon vorleben können. So funktioniert es, und so funktionieren viele buddhistische Schulen, vor allem die tibetischen, aber auch die Zen-Schulen arbeiten mit dem Mittel des spirituellen Meisters. Da jedoch jeder Suchende die Skandale mit selbstsüchtigen oder gar kriminellen Gurus kennt, ist trotz allem nötigen Vertrauen und tiefer Hingabe genauso Wachheit und kritischer Geist gefragt – und zwar bis zum Ende des Weges. Das erfordert eine große Reife. „Auch ich prüfe meinen Lehrer ab und zu“, sagt die Bielefelder Zen-Nonne. Sie will den Sinn erfassen, wenn er ihr etwas aufträgt. „Ich frage dann schon, ob es Wachstum für mich und andere bedeutet.“ 

Bisher war das immer so. Sogar bei ganz banalen Dingen, wie bei folgendem Beispiel: Claude AnShin Thomas trug ihr auf, einen Autoführerschein zu machen. „Ich wollte aber nicht, weil ich die Bäume schützen wollte.“ Widerwillig ließ sie sich – als Test – auf ein oder zwei Fahrstunden ein. „Und dabei merkte ich, dass es gar nicht um die Umwelt ging, sondern dass meine Ängste vor dem Fahren und der Technik der wirkliche Grund waren“, sagt sie. Sie hat so die Ängste überwunden. Das ist nützlich, denn längst hat sie eine wichtige Rolle im Vorstand der Organisation namens „Zaltho Sangha“. Sie muss deswegen auch immer wieder mit dem Auto durch Deutschland fahren. Zen-Meister Claude AnShin Thomas wusste das, bevor sie es wusste. So arbeiten buddhistische Lehrer oft. Sie brechen Konzepte, die Entwicklung blockieren. 

13 Jahre ist sie jetzt seine Schülerin, leitet die Bielefelder Zaltho-Sangha-Gruppe als seine Vertreterin und wächst an der Aufgabe allein dadurch, „dass er mir immer wieder deutlich macht, dass es um Selbstverantwortung und Selbstreflexion geht“. Das ist mitunter unbequem, ist aber unerlässlich auf dem buddhistischen Weg zur Befreiung von den inneren Kriegen bis hin zur Erleuchtung, also der vollen Entfaltung der wahren Natur des Geistes, die sich in bedingungsloses Mitgefühl, Freude und Furchtlosigkeit als natürlichste Sache der Welt ausdrückt. 

Einmal wollte Sonja MyoZen Sterner hinwerfen, aufhören, Schluss machen. Die Vorstandssitzung waren der Auslöser. „Da ging es nicht so nett zu, wie ich es mir vorgestellt hatte“, berichtet sie. Sie beschloss, auszutreten und teilte das ihrem Meister mit. Und er sagte: „Geh, wenn du denkst, wir sind das Problem.“ Das saß. „Das war eine schmerzhafte Botschaft“, sagt sie. Aber sie verstand: „Anderen meinen Willen aufzwingen zu wollen ist auch eine Form von Gewalt.“ 

Sonja MyoZen Sterner ist geblieben. Und das Vertrauen in ihr zu ihm ist weiter gestiegen „als der Lehrer, den ich ermächtigt habe, für mich ein Spiegel auch meiner unangenehmen Seiten zu sein“. Sie lasse das zu, weil er es unendlich liebevoll tue, ohne sich über sie oder andere zu erheben. Der buddhistische Lehrer ist eigentlich eine Paradoxie: Er kann für den Schüler nur dessen Spiegel des Inneren sein, weil auch er ein Mensch ist, zugleich ist er etwas Überpersönliches, eher eine Funktion. 

Sonja MyoZen Sterner ist Nonne, die nicht im Zölibat lebt und nicht im Kloster. Ihre buddhistische Schule verzahnt spirituelles und alltägliches Leben bewusst. Tagsüber arbeitet sie als Masseurin, sie hat eine Wohnung und einen erwachsenen Sohn. Weil sie aber Nonne ist, ist doch nicht alles normal. In der Straßenbahn oder an der Supermarktkasse wird sie öfter angestarrt und angesprochen als andere, allein wegen ihres kahlen Kopfes. Ihr Äußeres verpflichtet sie, stets stilvoll und liebevoll zu sein, auch wenn ihr nicht danach sein sollte. Darin liegt ein Sinn der äußeren Erkennungsmerkmale: Sie sind eine immerwährende Erinnerung an die wahren inneren Werte, ob der Träger gerade traurig oder fröhlich, ungeduldig oder entspannt ist, ist egal. Von diesen wechselnden Zuständen unabhängig und frei zu werden ist die Übung ihres Lebens. Deswegen sagt Sonja MyoZen Sterner denen, die glauben, sie habe mit ihrer Entscheidung ihre Freiheit aufgegeben: „Es ist genau andersherum für mich. Ich empfinde es als Freiheit, nicht mehr nach allem greifen zu müssen.“ 

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